Potocki

Ein Fluss von Lügen und Intrigen.

Meistens fuhren meine beste Freundin und ich mit dem Bus zur Schule. Die Fahrt dauerte je nach Verkehr zwischen 30 und 45 Minuten – im Sommer war es oft unerträglich heiß, im Winter dagegen bitterkalt. Tag für Tag dieselbe Strecke, dieselben Haltestellen, dieselbe Routine.

Ab und zu wurden wir auch mit dem Auto nach Hause gebracht.

Jahrelang erzählte ich, es sei der Fahrer meines Vaters gewesen, der uns regelmäßig von der Schule abgeholt habe. Eigentlich hätte mein Vater selbst kommen sollen, doch wie so oft hatte er keine Zeit. So lautete zumindest die Geschichte, die ich jedem erzählte.

Die Wahrheit war anders.

Nach der Wende hielten sich immer häufiger Männer in der Nähe der Schule auf. Die Männer wirkten meist freundlich. Zufällig, so erklärten sie, müssten sie ohnehin in Richtung unseres Dorfes fahren und könnten uns gerne mitnehmen.

Meine Freundin und ich nahmen das Angebot oft an. Es bedeutete, deutlich schneller zu Hause zu sein als mit dem Bus. Damals machte ich mir darüber keine Gedanken. Wir waren jung, unbeschwert und sahen darin nichts Außergewöhnliches.

Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, welchen Einfluss diese Erfahrungen auf mein späteres Leben haben sollten.

Wir achteten nicht darauf, wie wir im Auto saßen oder welche Wirkung wir auf andere hatten. Doch irgendwann bemerkte ich, dass manche Männer mich anders ansahen. Ihre Aufmerksamkeit galt nicht dem Gespräch, sondern meiner Erscheinung.

Ich hatte lange, schlanke Beine vom Ballettunterricht, und ein Rock betonte sie zusätzlich. Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass manche Männer genau das bemerkten. Gleichzeitig wusste ich immer, wo meine Grenzen lagen und was ich wollte oder eben nicht wollte. Meine Würde war mir wichtig.Damals erschien mir die Situation harmlos: Wir waren schneller zu Hause, und die Männer freuten sich über die Gesellschaft zweier junger Mädchen auf der Fahrt.Onlyfans auf dem Rücksitz

Heute sehe ich vieles differenzierter. Manche Erfahrungen wirken erst Jahre später nach. Oft erkennt man ihren Einfluss auf das eigene Leben erst dann, wenn man zurückblickt und die einzelnen Puzzleteile zusammensetzt.